„Die größte Gefahr ist, das Potenzial rund um Industrie 4.0 nicht rechtzeitig zu erkennen“

Volker Schiek Landesnetzwerk Mechatronik
Volker Schiek, Landesnetzwerk Mechatronik

Die Digitalisierung hat bereits global Einzug gehalten in die Industrien und die Gesellschaft. Für Unternehmen bedeutet zu analysieren, wo genau die Vorteile liegen und wie diese eingegliedert werden können. Volker Schiek, Geschäftsführer Landesnetzwerk Mechatronik BW, sieht aber die größte Gefahr darin, das Potenzial der Industrie 4.0 nicht zu erkennen. Im Interview erklärt Schiek, was die Erfolgsfaktoren des Landesnetzwerks Mechatronik sind und welche konkreten Lösungen für Unternehmen in Deutschland und auch Chile entwickelt werden.

Zukunftsweisenden mechatronischen Lösungen kommen für eine erfolgreiche Transformation zur Industrie 4.0 eine enorm wichtige Rolle zu. Welche Rolle spielt das Landesnetzwerk Mechatronik BW bei der Transformation zur Industrie 4.0 in Baden-Württemberg?

Das Landesnetzwerk Mechatronik BW hat sich zum Ziel gesetzt, Unternehmen, F&E-Einrichtungen sowie weitere Institutionen aktiv zu betreuen und untereinander zu vernetzen. Innovationen, Projekte und Lösungswege werden gemeinschaftlich erarbeitet und umgesetzt. Dabei ist der Blickwinkel auf der Seite der Industrie anzusehen. Ausgewählte und unabhängige Fachleute (Innovationsmanager) stehen dabei zur Verfügung. Sie repräsentieren jeweils ein Fachgebiet, das von der Automatisierung bis hin zur Energieeffizienz reichen kann. Wichtig ist, die komplette Wertschöpfungskette in unterschiedlichsten Branchen abdecken zu können. Anhand zielgerichteter Zusammenschlüsse bei Initiativen, Projekten oder anderen Formen einer Kooperation ist die Gemeinschaft in der Lage, zeit- und ressourceneffizient wie auch marktgerecht entsprechende Vorgaben oder Themen umzusetzen.

Sehen Sie auch Gefahren im Zuge der Umstellung auf Industrie 4.0?

Die größte Gefahr besteht darin, das Potenzial rund um Industrie 4.0 nicht rechtzeitig zu erkennen, wobei ebenso entscheidend ist, welche Segmente sind innerhalb der Industrie 4.0-Faktoren für das jeweilige Unternehmen nutzenbringend und stehen in Relation zum Aufwand. Digitalisierung hat bereits global Einzug in die Industrien und in die Gesellschaft gehalten, sodass gleichbedeutend mit der vernetzten Weltwirtschaft auch in Verbindung mit dem international agierenden Wettbewerb jeglicher Aufschub mit Nachteilen verbunden wäre. Dies ist die allgemeine thematische Betrachtungsweise. Auf die Unternehmen bezogen, bedeutet das, genauestens zu analysieren, worin bzw. wodurch besteht mein größtmöglicher Benefit und wie kann ich diesen kundenorientiert in meine Industrie 4.0-Strategie eingliedern. Welche Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden, ohne gleich die gesamte innerbetriebliche Struktur auf den Kopf stellen zu müssen. Die Menschen sind ein Teil der Wertschöpfungskette eines Unternehmens, sind integrativer Bestandteil für eine erfolgreiche Einführung digitaler Technologien und Services. Elementar in der Umsetzung heißt das zum einen, den Menschen nicht außen vor zu lassen, und zum anderen step-by-step, aber aufeinander aufbauend, in die Umsetzung zu gehen. Nicht die 100%-ige Lösung anvisieren, sondern in Abhängigkeit von Akzeptanz- und Machbarkeitsphasen nach oben skalieren.

Was sind die Erfolgsfaktoren der Arbeit des Landesnetzwerks Mechatronik BW. Was macht es zu einer „Smart Alliance“?

Die Vielfalt der Akteure, die zusammenwirken: Institutionen (von Politik über Forschung bis hin zu Netzwerken); Unternehmen (von Start-Ups über den klassischen Mittelstand bis hin zu Global Playern – branchenunabhängig und multidisziplinär); Aus- und Weiterbildung (von Hochschulen, Akademien bis hin zu Universitäten), der Fokus auf die Industrie (mit der Industrie – für die Industrie – durch die Industrie) sowie der Anspruch gemeinsam Lösungen zu entwickeln („Connecting for More“), das sind nur Teilaspekte einer erfolgreichen Netzwerkarbeit.
Hinzu kommen Vorgehens- und Handlungsweisen, die als Voraussetzung den jeweiligen Nutzen der Unternehmen im Fokus haben. Wenn wir dies unter sportlichen Gesichtspunkten betrachten, zählt prinzipiell nur der Sieg, ob in der regulären Spielzeit oder gelegentlich auch in der Verlängerung. Ein funktionierendes wie harmonisches Mannschaftsgefüge mit einem gemeinsamen Ziel stellt die Basis für eine optimale Umsetzung der festgelegten Taktik dar, die der Trainerstab zusammen mit dem Team ausgearbeitet hat. Hinarbeiten auf das Finale, das Erprobte präsentieren und zusammen mit den Zielgruppen diskutieren wie optimieren, das sind die Garanten für einen erfolgs- wie marktorientierten Spielbericht. Nicht zu vergessen, die Ersatzspieler, die eigentlich den Begriff „Ersatz“ gar nicht verdienen, sondern gleichwertig zur Verfügung stehen, wenn es die Anforderungen notwendig machen.

Und welche konkreten Lösungen entwickelt das Landesnetzwerk?

Lösungen werden in den verschiedensten Bereichen entwickelt, hier einige Beispiele:

  • Ausbildungsinitiative „Learn together!“ Das Landesnetzwerk informiert die Firmen über die neuesten Entwicklungen rund um Technologien, Transfermöglichkeiten, Beteiligungen an öffentlichen Ein-richtungen zur externen Aus- und Weiterbildung. Die Möglichkeit an vielseitigen Kooperationen steht ebenso im Fokus, wie die zur Verfügungstellung von zukunftsweisenden Testplattformen, neuesten App-Generationen und gemeinschaftlichen Erfahrungsberichten aus und für die Firmen. Das Konzept beinhaltet weiterhin die Option, Gastdozenten und/oder angesehene Spezialisten in den Ausbildungsbetrieb einzuladen, die ihre Erfahrungen und Praxistipps an die Lernenden weitergeben. Die Initiative beinhaltet ebenso die Bildung von gemischten Formaten, in den handwerkliche Berufsausbildungen mit kaufmännischen in sogenannten „Lernfabriken“ zusammengelegt werden, um den potentiellen Nutzen zu erleben, auszutesten und bereichsübergreifend bewerten zu können.
  • Elektromobilität: Die innovative Weiterentwicklung der Elektromobilität birgt große wirtschaftliche, umweltpolitische und gesellschaftliche Chancen und ist somit ein zukunftsweisendes Thema. Die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie hängt ganz wesentlich von ihren Erfolgen auf den Elektromobilitätsmärkten der Welt ab. Diese Veränderungen bieten gerade auch dem industriellen Mittelstand mit neuen Geschäftsmodellen enorme Chancen. Die Anbieter klassischer Mobilität (Autohersteller, Bahn, ÖPNV, Fluglinien) werden ein verändertes Selbstverständnis im Umgang mit Mobilität zu spüren bekommen. Verkehrsteilnehmer werden künftig nach mehr Durchgängigkeit, weniger Anpassungszwängen und klarerem Design verlangen, das ihnen den Umgang mit den verschiedenen Verkehrsmitteln erleichtert. Zahlreiche Dienstleistungen werden rund um das vernetzte Fahren und die Bereitstellung und Nutzung von intelligenten Ladeinfrastrukturen für Elektromobilität samt Abrechnungsmodellen entstehen. Neue Akteure werden am Markt auftauchen, die sich mit innovativen Ideen am Markt etablieren. Mobilität dank Elektrotechnik kann in den verschiedensten Anwendungen auch für zusätzliche Anforderungen zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich um Bereiche der Landwirtschaft, des Bauwesens oder auch der energieeffizienten Möglichkeit einer Reisemobilität per Wohnmobil oder unterstützende Caravansysteme.
  • Smart Home & Living, Ambient Assisted Living: Technik unterstützt zunehmend das Leben und Wohnen auch im Alter: vom Handy, Internet bis zu Gehhilfen, Hörgeräte und Haustechnik. Es gibt eine Vielfalt von Techniken, welche die Selbstständigkeit, Mobilität, soziale Teilhabe und Sicherheit im Alter unterstützen und bereichern können. Sich sicher und geborgen fühlen kann im Alter immer bedeutsamer werden. Sie reichen von der Gewissheit, mit einem Hausnotrufgerät jederzeit Hilfe rufen zu können, dem Licht mit Bewegungssensorik, welches den Toilettengang in der Nacht erleuchtet bis hin zu Hausautomationssystemen bei Türöffnern, Geräteabschaltung und -kontrolle, elektrische Rollläden etc. Sicherheit auch außer Haus durch Ortungsgeräte, kann für den Älteren für mehr Eigenständigkeit sorgen.

Sie sind nach Chile zu den Deutsch-Chilenischen Wirtschaftagen gereist und haben ebenfalls an einer Industrie 4.0-Veranstaltung in Argentinien mitgewirkt. Welchen Stellenwert hat die internationale Kooperation für das Landesnetzwerk Mechatronik BW?

Das Landesnetzwerk Mechatronik BW hat sich von Beginn an auf die Fahne geschrieben, den Technologietransfer aus und nach Baden-Württemberg zu unterstützen. Auf Grund der vielschichtigen Formen der Digitalisierung und Vernetzung wächst die Welt immer enger zusammen, unabhängig der politischen wie kulturellen Unterschiede. Daraus ergeben sich für alle Unternehmen neue Chancen, Potenziale und Märkte. Doch keines davon würde ohne den Menschen auskommen, trotz aller Automatisierung sowie Intelligenz. In erster Linie soll Industrie 4.0 und dessen neue Verwertungsmöglichkeiten der Gesellschaft nutzen. Ob in der Assistenz, bei der Qualität, in der Produktivität oder Effizienz, hinter der Begrifflichkeit verbürgt sich für jeden eine einmalige Chance. Es gilt dabei den Blick nicht ausschließlich auf das produzierende Gewerbe zu werfen, sondern ebenso auf so wichtige Branchen wie Ernährung, Gesundheit, Mobilität und letztendlich den Menschen mit einen Bedürfnissen und Anforderungen an sich. Gleichwohl sind es Herausforderungen, die kein einzelner Mensch, keine Branche und kein Land alleine bewältigen kann. Gewinnen werden offene und weltumspannende Systeme, die alles und jeden miteinschließen. Insofern sind wir ständig auf der Suche nach internationalen Partnerschaften und Kooperationen hinsichtlich komplementären Produkten, Dienstleistungen, Fähigkeiten und Kompetenzen, die ein globales „Ganzes“ ergeben und dadurch Wettbewerbsvorteile schaffen.